Rede zur Demo am 26.01.2020

ES REICHT!

Vielleicht sind viele jetzt überrascht, das ausgerechnet von uns zu hören.
Uns geht’s doch gut?
Wir haben doch alle eine Wohung?
Ist man damit im Berlin des Mietendeckels nicht alle Sorgen los?
Was kann man denn als stolze Besitzerin eines Berliner Mietvertrages überhaupt noch für Probleme haben?

Jaha.

Man kann zum Beispiel das Problem haben, dass das Gebäude, in dem man wohnt, einem Immobilienfonds gehört.

Unser Gebäudekomplex hier am Mehringplatz West hat z. B. die internationale Managementfirma Optimum Asset Management gekauft.

Dann haben sie unsere Wohnhäuser zusammen mit anderen Berliner Gebäuden zu einem schicken Fonds zusammengepackt und es „SEF Select 1“ genannt.

Dieser Fonds ist auf dem Papier unser Vermieter, so dass die reichen Investoren, die Anteile an SEF Select 1 gekauft habe, anonym bleiben können.

Die eigentliche Verwaltung dieses Gebäudes hat Optimum Asset Management der Berliner BauGrund Immobilien-Management GmbH übertragen, und die wiederum hat diverse Firmen mit der Ausführung beauftragt:
Hausmeister, Handwerker, Buchhaltung, Security.

Sind Sie jetzt auch komplett verwirrt? Prima, das ist Absicht.
Diese Firmen wollen gar nicht, dass Sie das alles durchschauen.

Und wer fühlt sich nun eigentlich für uns Mieter verantwortlich?

  • Die Hausmeister-Firma, die zu Dumpingpreisen eingekauft wurde?
  • BauGrund, deren Hauptaufgabe das Einsparen von Geld zu sein scheint?
    Immerhin ist jeder Euro, den BauGrund ausgibt, ein Euro, der nicht mehr als Gewinn an die Investoren ausgezahlt werden kann.
  • Optimum Asset Management in Luxemburg, der die Investoren auf’s Dach steigen, wenn der Fonds nicht genug Gewinn abwirft?
  • Die einzelnen Investoren, denen jeweils nur Bruchteile „unseres“ Immobilienfond gehören. Und die sich vermutlich in viele Fonds eingekauft haben, so dass ihnen wenige Prozente an Dutzenden Gebäuden gehören.
    Ja, ich wette, die wissen ganz genau, wie es hier vor Ort aussieht…

Und wie sieht es hier vor Ort aus?

  • kaputte Klingelanlagen, kaputte Gegensprechanlagen
  • völlig marode Rohre und Dächer
  • Wasserschäden und Schimmel in den Wohnungen
  • vollgepisste und vollgekackte Treppenhäuser voller Schnapsflaschen und benutzter Spritzen
  • vom Gesundheitsamt stillgelegte Keller, verseucht durch Rattenbefall und Überschwemmungen
  • leere Läden
  • Gastronomie, die nach Jahrzehnten aufgibt

Das Ergebnis ist Leerstand, Verwahrlosung und Endzeitstimmung.

ES REICHT.

Und die Hausverwaltung BauGrund reagiert nicht.

Beschwerden von uns Mietern werden ignoriert, niemand beseitigt die gemeldeten Mängel an den Gebäuden und in den Wohnungen.

Die Folgen für den Kiez und uns hier lebende Menschen sind katastrophal: Regeln und selbst Gesetze scheinen nicht mehr zu gelten, eine Hausordnung scheint es nicht mehr zu geben.

Drogenhandel und Drogenmissbrauch, Prostitution und Gangkriminalität nehmen drastisch zu.

Unser Kiez ist nicht mehr sicher.

ES REICHT.

***

Jetzt haben Sie uns schon mehrfach unser Motto ES REICHT rufen hören.
Das ist Ausdruck unserer Wut und unseres Frusts, die sich da Bahn brechen.

Aber etwas leiser hören Sie im Hintergrund mitschwingen:
ES REICHT NICHT.

Es reicht nicht: als Ausdruck unserer Enttäuschung und unserer Verunsicherung.

Es reicht nämlich nicht, ein Wohngebäude zu kaufen und danach die Hände in den Schoß zu legen, weil der Rubel jetzt ja rollt.

Es reicht nicht, sich in einen Immobilienfonds einzukaufen und sich darauf zu verlassen, dass schon jemand anders den Gewinn aus dem Objekt quetschen wird.

Es reicht nicht, eine Anzahl von Billigfirmen anzustellen, die nur das Allerallernötigste im Gebäude tun.

Es reicht nicht, sich hinter einem undurchdringlichen Geflecht von Firmen vor der Veranwortung zu verstecken.

Nein, Es reicht nicht!

Das findet übrigens auch das Grundgesetz.

In unserem GG gibt es zwei sehr wichtige Sätze in Artikel 14, Absatz 2. Sie lauten „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

Da steht, dass Eigentümer Pflichten haben, und dass sie das Wohl der Allgemeinheit im Auge behalten müssen.

Und wer gehört zu dieser Allgemeinheit?

Das sind wir. Wir Mieter!

Also müssen wir die Pflichten des Eigentümers einfordern, wenn er seine Aufgaben nicht erfüllt.

Wir rufen:

ES REICHT.

Wir wollen, dass Optimum Asset Management, und die Investoren, und BauGrund einsehen, dass hier Menschen wohnen:

ES REICHT.

Wir wollen friedlich und in Würde zusammen leben.

ES REICHT.

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